Pensionat Ort

Hierbei handelt es sich um eine katholische Bildungseinrichtung, die seit 1892 im Stadtteil Gmunden-Ort besteht. 

Der Anstoß dazu kam vom Linzer Diözesanbischof Ernest Maria Müller (1885-1889). Dieser wollte die Gefahr einer damals aufkommenden antichristlichen Schulbildung möglichst abwehren, indem u.a. auch Angebote für die religiöse Erziehung der Frauen umgesetzt werden sollten. Die Frauenfrage wurde im Grundsatz zur Bildungsfrage, da die Bildung der Frau direkt auf die Familie Rückwirkungen habe! Ihm gelang es, die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz zu überzeugen, in den „herrlichen Gauen von Oberösterreich“ eine Privatschule mit Pensionat für Mädchen des höheren Mittelstandes zu gründen. 

Dafür musste ein geeignetes Grundstück gefunden werden. Der Stadtpfarrer und der Bürgermeister von Gmunden waren bemüht, als Vermittler tätig zu werden, da es damals am Ort keinen solchen höheren Schultyp gab. 

Einige mit dem Projekt vertraute Kreuzschwestern bereisten nunmehr mehrere anerkannte Mädchenschulen in Europa, um die neue Lehranstalt den Anforderungen entsprechend optimal zu planen, auszustatten und zu besetzen. Das Hauptaugenmerk wurde auf die innere Organisation sowie auf die wissenschaftliche Ausbildung des Lehr- und Erziehungspersonals gerichtet. Unterdessen wurde ein bis ins Detail ausgearbeiteter Bauplan für ein Schul- und Pensionatsgebäude erstellt und ohne Einwendungen die Bewilligung erteilt. Die Bauarbeiten durch den Gmundner Baumeister Mathias Stadlmayr gingen in weiterer Folge so zügig vonstatten, dass der Rohbau 1890 und der Endausbau bis Mitte 1892 abgeschlossen werden konnte. Der nach englischer Gotik errichtete Prachtbau verfügte über Unterrichtsräume, einen Fest- und Zeichensaal im ersten Stock als auch über geräumige Schlafsäle im zweiten Stock. Im Souterrain befanden sich ein Empfangszimmer, Speise-, Musik- und Zeichensäle sowie ein Turnsaal; im Kellergeschoß die Küche und verschiedene Nebenräume; beeindruckend auch das Instituts-Kirchlein. Außerdem gab es noch Stallungen, Depots, Wagenremisen und Räumlichkeiten für das Dienstpersonal. Das schlossähnliche Ensemble war in einer Parkanlage eingebettet. Für mögliche Erweiterungen desselben erwarb die Kongregation einige Jahre später noch die nebenliegende Lanner’sche Realität, ein über 4 Hektar großes Acker- und Wiesenland.

Wirklich bewundernswert ist, dass diese für damalige Zeiten fortschrittliche Bildungseinrichtung durch einen Bettelorden nur erfolgreich umgesetzt werden konnte, weil großzügige Spenden von kirchlichen, staatlichen und privaten Gönnern geleistet wurden. Die Kosten für das Gebäude einschließlich der inneren Einrichtung beliefen sich auf rund 206.000 Gulden (ca. 2,1 Mio €).

Mädchenpensionat Ort um 1901
Correspondenzkarte: Sammlung Peter Huemer

Mit Erlass vom k.u.k. Landschulrat wurde das Pensionat als Privat-Lehr- und Erziehungsanstalt bezeichnet und die Errichtung einer fünfklassigen allgemeinen Volksschule in Verbindung mit einer dreiklassigen Bürgerschule bewilligt. Ferner wurde die Errichtung eines dreijährigen Fortbildungskurses, einer Handarbeitsschule, eines Musik-, Sprachen-und Malkurses genehmigt. Nach einer feierlichen Einweihung im Beisein zahlreicher Honoratioren öffnete die Schule samt Internat am 15. September 1892 der weiblichen Jugend ihre Tore. Das Lehrpersonal bestand anfänglich aus 12 und das Hilfspersonal aus 14 Schwestern. Im ersten Schuljahr nahmen 18 interne und 22 externe Schülerinnen am Unterricht teil.

Pensionats-Schülerinnen in Uniform (1910)
Foto: Mia Neumann

Um in diese hervorragende Bildungsstätte aufgenommen zu werden, galt es etliche Bedingungen zu erfüllen: Nur Mädchen römisch-katholischer Religion, körperlich und geistig gesund, im schulfähigen Alter wurden zugelassen; beizubringen waren Taufschein, Impfbestätigung und das letzte Schulzeugnis. Beim Eintritt war ein Vorschuss von 60 Kronen für die Schuluniform zu leisten. Für Verköstigung und obligatem Unterricht war ein Betrag von monatlich 70 Kronen zu entrichten, dazu kamen noch unterschiedliche Beiträge für jeden Sprach-, Musik-, Gesangslehrgang wie auch für Zeichnen, Malen und Stenographie. 

Der Aufenthalt im Internat erfolgte u.a. nach vorgegebenen Regeln: Einhaltung eines festen Tagesablaufs: Wecken – Gebet – Frühstück - Unterricht – Mittagessen – Freizeit/Studierzeit – Abendessen - Gebet - Schlafenszeit. Nur jeden Sonntag durften die Zöglinge ihren Eltern schreiben. Die Verwendung des Taschengeldes wurde überwacht. Nicht gestattet war das Mitbringen von Unterhaltungsbüchern oder Zeitschriften ohne Wissen und Erlaubnis der Anstaltsleitung. Die Zöglinge durften nur an Sonn- und Feiertagen zu bestimmter Zeit ihre Eltern und Verwandten empfangen. Ausgänge waren nur ausnahmsweise gestattet. Lediglich die Ferien konnten die Zöglinge bei ihren Eltern verbringen.

Schlafsaal der „Großen“ Zöglinge
Foto: Sammlung Peter Huemer
Wohnbereich der Zöglinge
Foto: Sammlung Peter Huemer


Bald erfreute sich das Mädchenpensionat wegen seiner Erfolge bei der Schulbildung und Erziehung großer Wertschätzung in der gesamten Monarchie, 53% der Schülerinnen kamen aus Oberösterreich, 27% aus österreichischen Ländern und die übrigen aus anderen Kronländern. Letztere sind oft durch den Sommersitz der Eltern hierher gelangt. Aber auch die immer besseren Schulangebote trugen zum Bekanntheitsgrad bei: 1897 bekam die Volks- und Bürgerschule das Öffentlichkeitsrecht; 1905 erfolgte die Umwandlung der 3-jährigen Fortbildungskurse in eine 6-jährige „Höhere Töchterschule“. Dieser Schultyp stellte eine speziell für Mädchen neu geschaffene Form des Gymnasiums dar. Die Absolventinnen mussten zunächst die Matura am öffentlichen Lyzeum in Linz ablegen, ab 1911 fanden dann die Reifeprüfungen im eigenen Hause statt. Im Jahre 1911 wurde noch eine Koch- und Haushaltungsschule eröffnet. Mit steter Zunahme an Zöglingen machte sich der Platzmangel immer bemerkbarer. Durch den Ausbau des mächtigen Dachbodens entstand ein drittes Stockwerk mit 16 Zimmern. 

Der erste Weltkrieg führte zu erheblichen Einschränkungen im Schulbetrieb. Interne und externe Schülerinnen wurden eifrige Helferinnen für die Soldaten an der Front, machten Dienst in den Lazaretten und kümmerten sich um Bedürftige in der Pfarre. Anlässlich der 25-Jahr-Feier im Kriegsjahr 1917 stifteten die Altzöglinge der Kapelle des Pensionates eine neue Orgel.Werbung für das Mädchenpensionat Ort
Correspondenzkarte: Archiv Holger Höllwerth

Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurde das Bildungs- und Betreuungsangebot im Sinne des gesellschaftlichen Wandels gestaltet und erweitert. Im Jahre 1924 erfolgte der Ankauf der angrenzenden „Villa Aichelburg“, um dort die Haushaltungsschule und ab 1931 die Mädchenvolksschule unterzubringen. Dadurch konnte das Internat im Hauptgebäude auf 120 Plätze erweitert werden. Um dem wiederholten Drängen der Mütter aus der Umgebung nachzukommen, wurde ein nahegelegenes Wirtschaftsgebäude als Kindergarten eingerichtet. 1926 konnte das Lyzeum in eine achtjährige Mittelschule umgewandelt werden und zehn Jahre später bekamen alle Klassen das Öffentlichkeitsrecht. Neben der geistigen Ausbildung kam auch die körperliche Ertüchtigung nicht zu kurz. Deshalb wurden beispielsweise Tennis- und Sportanlagen errichtet und ein eigener Badeplatz am Traunsee erworben. Somit war ein richtiges Bildungszentrum entstanden, bestehend aus Kindergarten, Volks- und Hauptschule, höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe, eine zweiklassige Handelsschule sowie das Realgymnasium. Kindergarten in Ort
Foto: Wikipedia

Mit Ende des Schuljahres 1937/38 wurde durch die politischen Ereignisse dem Wirken der Kreuzschwestern an der Schule und im Internat jäh ein Ende gesetzt, denn „Privatschulen können nicht weiter bestehen bleiben, weil sie nicht nationalsozialistisch eingestellt sind“. Die Direktorin wurde in den zeitlichen Ruhestand versetzt. Den Schwestern verblieben außer der Kapelle nur wenige Räume. Eine „Staatliche Oberschule für Mädchen“ mit einem „NS-Schülerinnenheim“ wurde eingerichtet. Nach einem Jahr beanspruchte dann auch noch die Wehrmacht die Räumlichkeiten für ein chirurgisches Lazarett. Ein Teil der Schwestern durfte für die Pflege der Verwundeten und die Besorgung der Wehrmachtswäsche verbleiben. In den Jahren 1939 bis 1945 gab es dreimal einen Wechsel zwischen schulischer und militärischer Nutzung. Zweimal standen die Gebäude vor der Enteignung. Nach dem Kriegsende konnte mit Hilfe der amerikanischen Militärregierung die schrittweise Räumung des gesamten Areals erreicht werden.

Am 11. Dezember 1945 erfolgte die Wiedereröffnung des geregelten Schul- und Internatsbetriebes. Die Anmeldungen überstiegen bei weitem die Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze: im Realgymnasium hatten sich über 500 Mädchen und für das Internat über 200 Mädchen gemeldet. Der enorme Andrang in dieser Anfangszeit hatte mehrere Gründe: die während der Kriegsjahre erfolgte Stadtflucht, die Ankunft vieler Heimatvertriebener sowie der Mangel an allgemein bildenden höheren Schulen im Bezirk Gmunden - hier gab es damals nur ein einziges öffentliches Realgymnasium. 1948/49 übernahm die unfreiwillig pensionierte Direktorin kurzzeitig wieder die Amtsgeschäfte.

Der Raummangel war überall spürbar! Im Gymnasium mussten für 424 Schülerinnen mehrere Parallelklassen eingerichtet werden. Auch das Internat hatte mit 160 Zöglingen den Höchststand erreicht. Um diesem Übel abzuhelfen, erfolgte 1954 der Ankauf der benachbarten idyllischen „Villa Elisabeth“. Damit war die Möglichkeit gegeben, den Anforderungen einer modernen Heimerziehung entsprechend in kleineren Gruppen ungestörtem Lernen nachkommen zu können. Auch für Wohnzwecke des Ordens wurde die Villa herangezogen. Im Schuljahr 1970/71 wurde das Gymnasium neusprachlich ausgerichtet. Weil in den folgenden Jahren die Schülerzahlen auch in der Volksschule auf über 100 angestiegen sind und immer mehr Schülerinnen sich als Halbinterne nachmittags in der Schule aufhielten, wurde die allgemeine Raumnot noch drückender. Nach einer eingehenden Planungsphase entschloss man sich, einen Volksschul-Neubau zu errichten und für das Gymnasium einen größeren Turnsaal zu integrieren. Nach zweijähriger Bauzeit konnte 1979 die Einweihung stattfinden. Der neue Zubau fügt sich über einen Verbindungsgang harmonisch dem dominanten Altbau an. Feuerwerk (1992) 
Wachsgraphiklitho von Nicole Weickinger (2A Klasse)

In den 1990er-Jahren kam es zu einem kontinuierlichen Rückgang bei den Zöglingen. Eine solche Tendenz war auch an anderen Internaten in Österreich feststellbar, heute sind die Familien kleiner und die inzwischen überall entstandenen höheren Schulen lassen sich einfacher erreichen als früher. Hinzu kommt, dass Internate mit dem Komfort, der Kindern zu Hause geboten wird, nur schwer mithalten können. Durch die steigenden Kosten für Personal und Instandhaltung wurde es vor allem für sozial schwächere Familien zusehends schwieriger, sich einen solchen Aufenthalt ihrer Kinder zu leisten. All diese Gründe führten schließlich im Schuljahr Ende 1999 zur Schließung des Internats. Seitdem trägt das „Pensi“ zu Unrecht noch diesen Namen! Die „Villa Aichelburg“ und die „Villa Elisabeth“ wurden in der Folge nicht mehr gebraucht und wurden verkauft. 

Die Stadt Gmunden hat sich immer mehr zu einem überörtlichen Schulzentrum hin entwickelt mit verschiedensten allgemein- und berufsbildenden Ausprägungen in unterschiedlicher Bildungshöhe. Diese vermehrte Auswahl einerseits und die demographische Entwicklung andererseits führten zu einer Abflachung der Anmeldezahlen. Seit 1999 steht die Schule deshalb Mädchen und Burschen gleichermaßen offen und wird koedukativ geführt. Die Entscheidung erwies sich als richtig, denn beispielsweise im Bildungsjahr 2017/18 nutzten immerhin insgesamt rund 600 Kinder und Jugendliche den Kindergarten, die Volksschule, das Gymnasium und den inzwischen eingerichteten Hort.Eingangsbereich des denkmalgeschützten Pensionats
Foto: Schulverein der Kreuzschwestern

Der allgemeine Geburtenrückgang führte zu drastischen Veränderungen in der Bildungslandschaft. Allein in Oberösterreich mussten seit 2010 insgesamt 68 Schulstandorte wegen schwindender Schülerzahlen geschlossen bzw. zusammengelegt werden. Nur an den Allgemeinen Höheren Schulen (AHS) zeigt sich ein gegenläufiger Trend. Beim Gymnasium der Kreuzschwestern in Ort kamen noch weitere Effekte dazu: die Schließung des Internats – damit der Wegfall ortsferner Schüler, der Mitbewerb von zwei weiteren öffentlichen Gymnasien in einem relativ kleinen Einzugsgebiet, die Ablehnung von Schülern mit nichtchristlicher Religionszugehörigkeit – obwohl andere katholische Privatschulen eine breite konfessionelle Vielfalt aufweisen. Aber mit 16 Neuanmeldungen für das Schuljahr 2021/22 lässt sich das Gymnasium nicht mehr wirtschaftlich führen. Mit Ende des Schuljahres 2024/25 wird deshalb dieses geschlossen. Die Schüler, die im Herbst 2021 mit der Ober- oder Unterstufe starten, kommen noch zu einem vollwertigen Abschluss. Kindergarten, Volksschule und Hort bleiben am Standort bestehen und werden weiter ausgebaut. Insbesondere ist geplant, dem wachsenden Betreuungsbedarf bei Kleinkindern zu entsprechen und dahingehend das Angebot zu erweitern.

Generationen von Eltern haben den Kreuzschwestern in Ort seit dem Start im Jahre 1892 das Vertrauen für die Bildung ihrer Kinder gegeben. Die Absolventen fühlen sich dem vornehmen Gymnasium weit über den Schulabschluss hinaus verbunden. Dies wird wohl leider zum Bedauern vieler ein Ende haben.Blumengeschmückte Nische in der Hauskapelle
Foto: Dr. Fritz Reinitzhuber

Diesen Beitrag verfasste Dr. Fritz Reinitzhuber im August 2021.

Verwendete Literatur:
Sperl Hans: 100 Jahre Mädchenpensionat Ort bei Gmunden 1892-1992
OÖ-Heimatblätter 46 (1992) Heft.3, S. 352-359
Festschrift: 100 Jahre Mädchenpensionat der Kreuzschwestern (1987 – 1992), S. 11-23
Reiter Annemarie: 110 Jahre Gymnasium Ort der Kreuzschwestern (1997-2002), Festschrift, S. 9-17
OÖ-Nachrichten: „Gmundner Pensi schließt seine Pforten“ (19.05.2021)
ORF.at: „Trend zum Gymnasium ist ungebrochen“ ttps://noe.orf.at/stories/3095631 ORF at: „Schülerzahlen in katholischen Privatschulen steigen“ https://religion.orf.at/v3/stories/2997619